Sonntag, 28. Oktober 2012

Ungeschminkt

Wir waren nun drei Tage lang im Krankenhaus. 
Am Montag war ich ja beim Kinderarzt mit dem Kleinen. Oberer Atemwegsinfekt, gar nicht so schlimm, da hätten wir gar nicht kommen brauchen. Am Mittwoch wars noch nicht besser. Wieder angerufen. Heute gehts nicht, wenn er nicht mehr fiebert sollen wir erst am Donnerstag kommen, der Terminkalender ist voll von dringenden Notfällen. Geärgert, aber halbwegs beruhigt. Dem Kleinen gings besser, der Husten war weniger und die Nächte wieder ruhiger. 
Donnerstag endlich wieder beim Kinderarzt. Diagnose: ab ins Krankenhaus! Doch kein Atemwegsinfekt, sondern Bronchitis. Er muss inhalieren, eventuell braucht er Sauerstoff. Ich soll sofort hin. 
Ich bin wie betäubt. Stammle, wie es denn jetzt auf einmal so schlimm geworden sein kann. Sie räumt eine Fehldiagnose ein, entschuldigt sich.
Das hilft mir nicht. 
Verwirrt fahre ich nach Hause, packe ein paar Sachen. Wohin mit dem Großen? Ich kann ihn nicht beim Papa lassen. Denn der ist selber krank und kann kaum aufstehen. Die Verwandtschaft arbeitet Vollzeit. Es hilft nichts: der Große muss mit. 
Ich rase zum Kindergarten und hole ihn ab. Gebe der Erzieherin schnell Bescheid. Schnellschnell, wir müssen uns beeilen. 
Unser kleines Auto fliegt die dreißig Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus. Wir finden keinen Parkplatz, erst ganz hinten. Durch den strömenden Regen schleppe ich den Kleinen und unsere Tasche zum Haupteingang, den Großen an der anderen Hand. Wir müssen lange warten, die Kinder quengeln. Endlich können wir auf die Station. 
Dort ein Hoffnungsschimmer: es ist alles gar nicht so schlimm. Die Werte sind gut. Sie wollen uns trotzdem dort behalten, eine Nacht zur Beobachtung. Wir bekommen ein Zimmer für uns drei alleine. 
Der Kleine schreit, er ist fertig mit der Welt. Er hasst das Inhalieren und sobald er jemanden mit weißer Kleidung sieht, ist er nicht mehr zu halten. In seiner kleinen, niedlichen Hand befindet sich eine Nadel - ein Zugang ist ihm gelegt worden. Mit seinen großen Augen sieht er mich fragend an, die Tränen kullern über seine Wangen. 
Mein Herz bricht. Ich möchte ihm alles Leid dieser Welt ersparen und habe rigoros versagt. 
Aus einer Nacht werden zwei. Wir lernen andere Kinder kennen, mit denen die Jungs spielen. Hören uns deren Schicksale an. Uns Müttern tut es gut, dass wir uns austauschen können. Abends, wenn die Kinder schlafen, treffen wir uns in der Teeküche. Erzählen uns unsere Geschichten, lachen dabei. Man muss lachen, denn was wäre die Alternative?
Da sitzt sie nun, eure Lipstickmum. Trinkt einen stark gesüßten Waldbeertee. Die Haare wirr, das Make Up zu Hause, denn für mich selbst habe ich am wenigsten eingepackt. Appetit habe ich keinen, mein Essen hebe ich für die Kinder auf. Doch ich bedauere mich nicht, denn das würde nichts ändern. Wie ein Mantra sage ich mir immer wieder: irgendwann muss es wieder vorbei sein.  Irgendwann geht es dem Kleinen wieder gut und die Kinder haben vergessen, dass wir hier waren. Ich werde es nie vergessen, aber ich komme damit klar. Die Hauptsache ist, dass ich ihnen immer wieder dein Eindruck vermittle, dass alles in Ordnung ist oder zumindest bald wieder in Ordnung kommen wird.
Samstag Mittag endlich dürfen wir nach Hause. Die Stunden haben sich in die Länge gezogen, es kommt mir so vor, als wären wir seit Wochen dort gewesen. Ausgestattet sind wir mit einem Inhalator und vielen Erfahrungen, die wir nie machen wollten.
Nun müssen wir daheim noch ein bisschen inhalieren und morgen wieder zum Kinderarzt. Die Folgemedikation besprechen.
Und dann einen neuen Arzt suchen.


Kommentare:

  1. Oh nein! Ich wünsche euch ganz schnell gute Besserung! Dir wünsche ich viel Kraft! Du bist eine tolle Mami!!!!

    Eine dicke Umarmung von Jenny

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    1. Danke...das sind sooo liebe Worte, Jenny...vielen, vielen Dank!!

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  2. Ohnein dass tut mir voll leid für dich und die Kinder :( Der arme kleine ist doch noch viel zu jung :( Ich wünsche ihm eine gute Besserung und viel Kraft für dich! Du stehst das durch! Das Kinderärztefehler machen wurde schon bei meiner kleinen Schwester im Alter von 3 Monaten festgestellt. Sie wurde gegen was geimpft bei dem man erst ab dem 1 Lebensjahr geimpft werden darf und ist dadurch schlimm krank geworden und musste auch ins Krankenhaus! Doofe Ärzte!

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    1. Dankeschön!! Oh, da hat deine Schwester auch sehr viel mitgemacht :(

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  3. Ohje :( Ich fühle mit Dir! Diese Machtlosigkeit ist furchtbar!
    Gute Besserung dem Kleinen!Ich schließe mich Jenny an,Du bist eine tolle Mami die alles mögliche für ihre Kinder tut...aber manchmal sind die besten Mütter Machtlos :(

    Fühl Dich fest gedrückt!

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    1. Ja, diese Machtlosigkeit ist es, die mir zusetzt. Du versuchst, immer das Richtige für deine Kinder zu tun, aber manches kann man nicht verhindern. Er ist nun wieder gut drauf, ein bisschen kränkelt er zwar noch, aber es ist nicht mehr so schlimm. Trotzdem fahre ich bei jedem Husten zusammen und habe Angst, es könne ihm wieder schlechter gehen.

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  4. Wir Mamas können eben auch nicht unsere Kleinen vor allem schützen. Manche Erfahrungen müssen wir und die Kleinen wohl einfach machen, ob wir wollen oder nicht! Aber deswegen bist du keinesfalls eine schlechte Mama. Ich kann dich so gut verstehen. So doof sich das jetzt vllt anhören mag, aber auf Grund das ich ja gelernte Kinderkrankenschwester bin, kann ich es nicht sehen, wenn andere mein Kind Blutabnehmen oder so. Das mach dann lieber Ich, lasse mich kurzzeitig "Hassen" von meinem Kind, aber mit der Belohnungsbestechung ist dann auch alles wieder gut. Mir tut es echt im Herzen weh, wie Manche Ärzte & Schwestern den Kinder vor allem meinem Kind Blutabnehmen, gerade wenn sie noch so klein sind...

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    1. Das mit dem Blutabnehmen kann ich total verstehen. Wenn ich in dem Beruf arbeiten würde, wäre ich wohl genauso. Bei den nötigen Untersuchungen habe ich ihn immer auf dem Arm gehabt und wenn nötig fest gehalten, das war mir lieber, als wenn jemand "Fremdes" es macht. Bei dir als Mutter beruhigt sich das Kind einfach am schnellsten.

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  5. Ich kann verstehen, wenn sich viele ärgern, dass ein Arzt kaum noch Termine frei hat. Aber man sollte sich nicht über den Arzt aufregen, sondern über die Leute, die wegen jedem Scheiß kommen. Mein Freund ist noch Assistenzarzt und hat immer wieder Leute, die kommen und sagen, sie wollen in Urlaub fahren und vorher schauen, ob alles OK ist. Das nimmt wertvolle Zeit weg, wo ein anderer sie nötig hätte.

    Aber hoffentlich geht es den Kleinen bald wieder gut. :)
    Eine sich sorgende Mama ist immer die beste Mama!

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    1. Das stimmt und ich bin auch nicht jemand, der wegen jedem Schnupfen zum Arzt geht. Ich denke mir immer: wer weiß, mit was sie sich dort anstecken. Der Kleine nimmt alles in den Mund im Wartezimmer, das kann man nicht verhindern.
      Und im Krankenhaus habe ich viele Kinder gesehen, denen es schlechter ging als uns. Da waren Autounfälle und Blinddarmoperationen dabei, wo ich dankbar war, dass es uns nicht noch schlimmer erwischt hat. Aber vorsorglich zum Arzt zu gehen, auf so eine Idee würde ich jetzt gar nicht kommen...na ja. Leute gibts ;)

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