Freitag, 27. April 2012

Vorurteile?

Gestern Nachmittag haben wir die Großeltern der Kids besucht. Da das Wetter toll war, wollte ich zu Fuß gehen. Zu den Großeltern geht's aber circa 45 Minuten steil bergauf, das wollte ich dem Großen nun in der prallen Mittagssonne nicht antun. Also wurde er vom Opa chauffiert, während ich mich und den Kinderwagen mit dem Baby darin den Berg hochquälte. Das hatte neben dem garantiert enormen Kalorienverbrauch einen weiteren, unbestreitbaren Vorteil: Ruhe. Das Baby schlief, also hatte ich Zeit, nachzudenken. Einfach mal so, fast eine Stunde lang. 
Ich begann, an eine Freundin zu denken. Wir lernten uns kennen, als wir beide vierzehn waren. Erlebten die Pubertät zusammen. Sie machte schließlich ihr Abitur, lebt mittlerweile in Berlin und studiert dort Kunstgeschichte. Mit ihrem Freund, der ebenfalls ein Künstler ist, bereist sie die ganze Welt. Ich habe den mittleren Bildungsabschluss, eine Büroausbildung - und Kinder. Letztens besuchte sie mich, da sie in der Nähe war und natürlich kamen wir irgendwann auf unsere unterschiedlichen Lebensstile zu sprechen.
"Du, sag' mal", kam es schließlich. Dabei hatte sie einen Gesichtsausdruck, als wolle sie ein unangenehmes Thema anschneiden.
"Waren eure Kinder eigentlich - nun ja - Wunschkinder?"
"Absolut!", lachte ich. 
"Nein, ich meine - hattet ihr das so geplant?"
Ich nickte ernst, murmelte noch etwas wie "ja, haben wir", machte mir aber im gleichen Augenblick sofort Gedanken. War es denn wirklich so ungewöhnlich, dass wir uns mit Anfang 20 schon für Kinder entschieden hatten? 
Ich hatte immer gewusst, dass ich früh Kinder haben möchte. Geplant waren immer 3, doch momentan sieht es so aus, als würde es bei meinen beiden Jungs bleiben. Obwohl wir Kinder haben können wir gut leben, haben ein Haus gekauft, machen ab und an einen Ausflug und sind zufrieden mit unserem Leben. 
Natürlich ist es nicht vergleichbar damit, um die ganze Welt zu jetten. Natürlich bleibt die Zeit zu zweit auf der Strecke, was mir unglaublich fehlt. Aber das kommt wieder. Und dann sind wir beide immer noch jung. Ich kann gar nicht nachvollziehen, wieso man sich wegen der Entscheidung, wann man Kinder bekommt, rechtfertigen muss. Für uns war es das richtige. Ich würde es wieder genauso machen. 

Im Sommer werde ich siebenundzwanzig. Vielleicht besucht sie mich da wieder, hat sie gemeint. Vielleicht stopfe ich mir dann ein Kissen unter das T-Shirt. Nur so aus Spaß, um sie ein bisschen zu schocken ;)

Kommentare:

  1. Weil sich solche Leute das bei sich selber gar nicht vorstellen können.
    Ich hätte mir das bei mir in jüngeren Jahren auch nicht vorstellen können.

    Liebe Grüße von Pia

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    1. Ich glaub mittlerweile auch, dass es daran liegt. Sie studiert, ist quasi mittendrin in ihrem Berufsleben - während meiner Ausbildung habe ich auch noch nicht an Kinder gedacht. Weil wir so einen unterschiedlichen Lebensstil führen, kann sie es vermutlich nicht verstehen. Wahrscheinlich sollte ich mir nichts dabei denken, aber ich bin so ein Mensch, der immer da Gespenster sieht, wo absolut sein können und alles zweimal hinterfragt ;)

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  2. Ich versteh dich voll und ganz.
    Ich habe meine Kinder auch mit 23 und 25 bekommen. Aber ich finde (immer noch) dass es die beste Entscheidung meines Lebens war.

    Sie sind nun aus dem Gröbsten raus, wenn man das so sagen kann. Gehen in die Schule und Kindergarten und ich gehe seit einem Jahr wieder arbeiten. Die 5 Jahre zu Hause habe ich genossen, denn die Zeit gibt dir niemand wieder. Ich bin ja -damit will ich niemanden zu nahe treten- der Überzeugung, wenn ich die Verantwortung übernehme und ein kleines Menschlein in die Welt setze, trage ich die Pflicht auch für das Menschlein zu sorgen und für es da zu sein und in seinen ersten Lebensjahren nicht in Fremdbetreuung zu geben, ganz gleich welches Elternteil sich dafür entscheidet. Klar es gibt sicher auch Fälle, in denen es nicht anders geht, bei denen es finanziell nicht machbar ist. Ich hatte GsD das Glück mich voll und ganz meinen Kindern widmen zu können ohne finanzielle Sorgen zu haben oder auf irgendetwas verzichten zu müssen.

    Jetzt wo sie so langsam selbstständiger werden, geniesse ich es aber auch voll und ganz, wieder ein Stück weit selbstständiger zu werden und auch wieder eine eigentständige Person zu sein und nicht die Mama, der auf Schritt und Tritt ein Minimensch folgt.

    Beides ist toll! Und wenn ich kritisiert werde oder jemand abfällig schaut, wenn ich erzähle dass meine Kinder so gut wie jede Nacht bei mir im Bett schlafen und ich absolut glücklich damit bin, ist mir das sowas von egal... denn diese Zeit, in dem einen die Kinder so nahe sind, du morgens von tätschelnden Händchen im Gesicht geweckt wirst, ist irgendwann vorbei und die bringt einem niemand wieder.

    Kurz und knapp: Ich bin froh eine junge Mama zu sein!

    Liebste Grüße,
    Mariana

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    1. Ja, ganz genauso war es bei uns auch. Beim Großen war ich 23, beim Kleinen gerade 26 geworden. Ich bin auch noch in Elternzeit und würde es auch gerne bleiben, bis der Kleine in den Kindergarten geht. Wir haben auch das Glück, dass es bei uns finanziell zumindest momentan noch möglich ist, dass ich daheim bleibe. Ich denke mir auch bei jedem Schritt, den die Kids machen: diese Zeit bekommst du nie zurück. Und ich bin froh, dass ich jeden kleinen Schritt miterlebe. Auch wenn ich natürlich manchmal ein kleines bisschen genervt von ihnen bin ;) das geht immer schnell vorbei.

      Dass du aber auch gerne in die Arbeit gehst, verstehe ich voll und ganz. Man selbst als Mensch ist neben dem Mutterdasein ja auch noch da und in der Arbeit bekommt man etwas, das einem sonst selten jemand geben kann: Anerkennung. Und man hat auch selbst das Gefühl, etwas geleistet zu haben, für das man dann sein Gehalt erhält. Das ist doch auch wieder etwas anderes. Deswegen freue ich mich darauf auch, auch wenn dieser Tag bei uns noch in weiter Ferne liegt.

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